Englische Geschichten
Heute möchte ich Ihnen einige „englische Geschichten“ erzählen.
Blättert man durch die Seiten der Geschichte, stößt man auf blutige Kapitel voller Massaker an Menschen – Menschen, deren einziges „Verbrechen“ darin bestand, in einem Land zu leben, das über reiche natürliche und menschliche Ressourcen verfügte. Von Iran und Indien bis nach Irland und ins Horn von Afrika – überall scheint dasselbe Muster gegolten zu haben.
Während des Ersten Weltkriegs war Iran offiziell neutral. Dennoch besetzten britische Truppen das Land, beschlagnahmten das Getreide für ihre Armee und verhinderten gleichzeitig den Import von Lebensmitteln. Öleinnahmen und Zolleinnahmen Irans wurden nicht ausgezahlt. Das Ergebnis: Nach Angaben des US-Diplomatischen Archivs starben 8 bis 10 Millionen Iraner – fast die Hälfte der damaligen Bevölkerung – an Hunger.
In 190 Jahren britischer Kolonialherrschaft über Indien wurden 31 große Hungersnöte registriert. Offiziell starben dabei 29 Millionen Menschen, manche Historiker sprechen sogar von 60 bis 100 Millionen Opfern. Das Muster war stets dasselbe: massive Getreideexporte mitten in Dürreperioden, drückende Bodensteuern und Einschränkung von Hilfslieferungen. In der Hungersnot von Bombay starben 5 bis 8 Millionen Menschen, in Orissa 1866 etwa 1 bis 1,5 Millionen und in Bengalen 1943 rund 3 Millionen. Selbst in der schlimmsten Not hielten die Kolonialherren an ihrer tödlichen Politik fest – im Glauben, dass Hunger ein „natürliches Mittel zur Bevölkerungs-kontrolle“ sei. Winston Churchill soll während der Bengal-Hungersnot gesagt haben: „Die Hungersnot ist ihre eigene Schuld – sie haben sich wie Kaninchen vermehrt.“
Zwischen 1845 und 1852 vernichtete die Kartoffelfäule 90 % der Hauptnahrungsquelle Irlands. Die Insel war damals britische Kolonie. Doch statt die Exporte zu stoppen, verließen inmitten der Hungersnot über 4000 Schiffe mit Fleisch, Fisch, Butter und Hülsenfrüchten die irischen Häfen Richtung Großbritannien. Manche britische Würdenträger bezeichneten die Katastrophe gar als „göttliche Vorsehung“, um die Iren zu „züchtigen“. Die Folge: über eine Million Tote, zwei Millionen Auswanderer und ein Bevölkerungs¬rückgang von 8,4 auf 6,6 Millionen.
Im Jahr 1891 hatte eine Dürre die Ernten im Hafen von Aden zerstört. Aden lag im Süden Jemens und war unter britischer Kontrolle.
Zwar traf eine kleine Hilfslieferung mit Getreide an der Küste ein, offizielle britische Dokumente besagen jedoch, dass die Engländer den Weitertransport ins Landesinnere verhinderten, um erst die Vorräte ihrer Garnisonen aufzufüllen. Tausende Menschen starben.
Ähnlich in Äthiopien: Die Hungersnot von 1888–1892, verstärkt durch eine Rinderpest, Dürre und Cholera, kostete 2 bis 3 Millionen Menschen – ein Drittel der Bevölkerung – das Leben. Die Kontrolle von Handelswegen und Hilfslieferungen durch britisch abhängige Mächte verzögerte jede wirksame Hilfe; die Interessen des Imperiums hatten Vorrang vor dem Leben der Menschen.
Als Churchill mit grausamer Kälte sagte: „Die Hungersnot ist ihre eigene Schuld – sie haben sich wie Kaninchen vermehrt“, war das nicht nur eine spontane Abwertung. Es entlarvte eine tief verwurzelte, jahrhundertealte Denkweise – eine Sicht auf den Menschen, die ihn nicht als Partner in Würde, sondern als ausbeutbares Wesen betrachtete: als Kaninchen, dessen Bestand man kontrollieren, dessen Land man plündern und dessen Tisch man leerräumen kann.
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